Job trotz Rente!
(18.09.26) Immer mehr Menschen arbeiten auch nach dem Eintritt in den Ruhestand weiter. Diese Entwicklung wird häufig als Beleg für ein versagendes Rentensystem interpretiert. So einfach ist die Lage jedoch nicht: Manche Rentner sind aus finanziellen Gründen auf ein zusätzliches Einkommen angewiesen, andere wollen beruflich aktiv bleiben, soziale Kontakte pflegen oder ihr Wissen weiterhin einsetzen.
Die aktuellen Zahlen zeigen dennoch, wie stark sich der Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand verändert. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren im Jahr 2025 insgesamt 13,5 Prozent der Rentner im Alter von 65 bis 74 Jahren weiterhin erwerbstätig. Bei den Männern lag der Anteil mit 16,3 Prozent deutlich höher als bei den Frauen mit 11,1 Prozent.
Damit arbeitet inzwischen ungefähr jeder siebte Rentenbezieher dieser Altersgruppe weiter. Von einem klassischen Ruhestand, der mit einem klaren Schnitt am letzten Arbeitstag beginnt, kann für einen wachsenden Teil der Bevölkerung keine Rede mehr sein.
Arbeiten aus Notwendigkeit – oder aus Überzeugung?
Entscheidend ist die Frage, warum Menschen im Rentenalter weiterarbeiten. Nach einer Zusatzerhebung der EU-Arbeitskräfteerhebung aus dem Jahr 2023 nannten 33 Prozent der erwerbstätigen Rentner finanzielle Notwendigkeit als Hauptgrund.
Fast ebenso viele, nämlich 28,9 Prozent, arbeiteten hauptsächlich weiter, weil ihnen ihre Tätigkeit Freude bereitete. Weitere 10,7 Prozent bezeichneten die Beschäftigung als finanziell attraktiv oder verwiesen darauf, dass ihr Partner ebenfalls noch berufstätig war. Für 8,9 Prozent standen der Kontakt zu Kollegen und die soziale Einbindung im Mittelpunkt.
Es wäre daher falsch, jeden arbeitenden Rentner automatisch als Opfer von Altersarmut darzustellen. Ebenso falsch wäre es allerdings, die finanzielle Dimension kleinzureden. Wenn jeder dritte erwerbstätige Rentner aus wirtschaftlicher Notwendigkeit arbeitet, ist das ein deutliches Warnsignal.
Arbeit im Alter kann Selbstbestimmung, Anerkennung und gesellschaftliche Teilhabe bedeuten. Problematisch wird sie, wenn sie nicht freiwillig erfolgt, sondern notwendig ist, um Miete, Energie, Lebensmittel oder Gesundheitskosten bezahlen zu können.
Viele Rentner arbeiten nur wenige Stunden
Die Beschäftigung im Ruhestand ist meist keine Fortsetzung einer klassischen Vollzeitkarriere. Im Jahr 2025 war knapp die Hälfte der erwerbstätigen Rentner – 49,8 Prozent – geringfügig beschäftigt. Insgesamt arbeiteten 72,9 Prozent als abhängig Beschäftigte, während 27,1 Prozent weiterhin selbstständig tätig waren.
Das Spektrum reicht damit vom gelegentlichen Minijob über eine beratende Tätigkeit bis zur Fortführung eines eigenen Unternehmens. Gerade Selbstständige, Freiberufler und Unternehmer ziehen sich häufig schrittweise aus dem Berufsleben zurück.
Auch das Bildungsniveau spielt eine erhebliche Rolle. Im Alter von 67 Jahren standen 2025 noch 20,1 Prozent der Bevölkerung dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Bei Personen mit hohem Bildungsabschluss waren es 26 Prozent, bei Menschen mit mittlerem Bildungsniveau 18,1 Prozent.
Menschen mit höherer Qualifikation können ihre Tätigkeit häufig leichter an das Alter anpassen. Ein Berater, Unternehmer oder Akademiker kann eher einige Stunden pro Woche weiterarbeiten als jemand, der jahrzehntelang körperlich schwere Arbeit geleistet hat. Eine längere Erwerbstätigkeit ist deshalb nicht für alle Berufsgruppen gleichermaßen realistisch.
Deutschland altert – und der Druck nimmt zu
Die steigende Erwerbstätigkeit älterer Menschen ist auch eine Folge des demografischen Wandels. Im Jahr 2024 lebten in Deutschland rund 16,7 Millionen Menschen im Rentenalter ab 67 Jahren. Bis zum Ende der 2030er-Jahre dürfte diese Zahl auf mindestens 20,5 Millionen steigen.
Gleichzeitig folgen auf die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer deutlich kleinere Generationen. Im Jahr 2024 kamen auf 100 Menschen im Alter zwischen 20 und 66 Jahren bereits 33 Personen ab 67 Jahren. Dieser Altenquotient wird in den kommenden Jahren weiter steigen.
Die finanziellen Belastungen betreffen nicht nur die gesetzliche Rentenversicherung. Eine alternde Gesellschaft benötigt mehr medizinische Versorgung, Pflegeleistungen, altersgerechte Wohnungen und soziale Unterstützung. Gleichzeitig fehlen qualifizierte Arbeitskräfte.
Der Staat hat deshalb ein wachsendes Interesse daran, ältere Menschen länger im Erwerbsleben zu halten. Was politisch als freiwilliges Arbeiten im Alter beworben wird, ist somit auch eine Reaktion auf Arbeitskräftemangel, demografischen Druck und steigende Sozialausgaben.
Die Aktivrente soll das Weiterarbeiten belohnen
Seit dem 1. Januar 2026 gilt in Deutschland die sogenannte Aktivrente. Wer die gesetzliche Regelaltersgrenze erreicht hat und weiterarbeitet, kann grundsätzlich bis zu 2.000 Euro monatlich steuerfrei hinzuverdienen.
Bei der Aktivrente handelt es sich nicht um eine zusätzliche Rentenleistung, sondern um einen Steuerbonus für Arbeitseinkommen. Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung können weiterhin anfallen. Beträge oberhalb von 2.000 Euro im Monat sind regulär zu versteuern.
Die Aktivrente kann einen sinnvollen Anreiz für Menschen schaffen, die freiwillig länger arbeiten möchten. Sie löst jedoch das strukturelle Rentenproblem nicht. Wer gesundheitlich nicht mehr arbeiten kann, keinen geeigneten Arbeitsplatz findet oder Angehörige pflegt, profitiert davon kaum.
Zudem besteht die Gefahr einer sozialen Schieflage: Besonders profitieren können gut qualifizierte Rentner mit vergleichsweise hohen Einkommen und altersgerechten Arbeitsplätzen. Menschen mit niedrigen Renten und gesundheitlichen Einschränkungen haben häufig deutlich weniger Möglichkeiten, ihre finanzielle Situation durch zusätzliche Arbeit zu verbessern.
Niedrige Rente ist nicht automatisch Altersarmut
Die häufig zitierte Aussage, 42 Prozent der Rentner hätten weniger als 1.250 Euro netto im Monat, beruhte auf einer älteren Sonderauswertung. Sie bezog sich auf das persönliche Nettoeinkommen einzelner Rentenbezieher und nicht auf das gesamte verfügbare Haushaltseinkommen.
Eine niedrige gesetzliche Einzelrente bedeutet nicht zwangsläufig Altersarmut. Weitere Einkünfte können beispielsweise aus einer Betriebsrente, privaten Versicherungen, Kapitalvermögen, Mieteinnahmen oder dem Einkommen eines Ehepartners stammen.
Für eine realistischere Einschätzung eignen sich deshalb das gesamte Haushaltseinkommen und die amtliche Armutsgefährdungsquote besser.
Nach den Endergebnissen der EU-SILC-Erhebung 2025 lag das mittlere Nettoäquivalenzeinkommen von Menschen ab 65 Jahren bei monatlich 2.080 Euro. In der Gesamtbevölkerung betrug es rund 2.410 Euro.
Gleichzeitig waren 19,5 Prozent der Menschen ab 65 Jahren armutsgefährdet. In der Gesamtbevölkerung lag die Quote bei 16,1 Prozent. Frauen ab 65 Jahren waren mit 21,3 Prozent deutlich häufiger betroffen als Männer mit 17,3 Prozent.
Frauen verfügen über deutlich geringere Alterseinkünfte
Die Alterseinkünfte von Frauen lagen 2025 durchschnittlich 24,2 Prozent unter denen der Männer. Frauen ab 65 Jahren erhielten im Durchschnitt rund 1.820 Euro brutto aus gesetzlichen, betrieblichen und privaten Alterssicherungssystemen sowie Hinterbliebenenleistungen. Bei Männern waren es rund 2.400 Euro.
Werden Hinterbliebenenrenten und andere abgeleitete Ansprüche herausgerechnet, vergrößert sich die Lücke sogar auf 36 Prozent. Unterbrochene Erwerbsbiografien, Kindererziehung, Pflege von Angehörigen, Teilzeitarbeit und niedrigere Löhne wirken sich über Jahrzehnte auf die späteren Alterseinkünfte aus.
Diese Unterschiede lassen sich kurz vor dem Renteneintritt kaum noch ausgleichen. Altersvorsorge muss deshalb möglichst früh beginnen und regelmäßig an die Lebenssituation angepasst werden.
Immer mehr Menschen benötigen Grundsicherung
Besonders deutlich zeigt sich die finanzielle Notlage bei der Grundsicherung im Alter. Ende 2025 bezogen knapp 764.100 Menschen diese staatliche Leistung. Das waren 3,4 Prozent mehr als ein Jahr zuvor und 42,5 Prozent mehr als 2015.
Der Anstieg lässt sich teilweise durch die wachsende Zahl älterer Menschen und Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur erklären. Dennoch zeigt er, dass ein zunehmender Teil der Senioren seinen notwendigen Lebensunterhalt nicht aus eigenem Einkommen und Vermögen bestreiten kann.
Gleichzeitig darf die Zahl der Grundsicherungsempfänger das tatsächliche Ausmaß finanzieller Probleme unterschätzen. Nicht jeder Anspruchsberechtigte beantragt die Leistung. Scham, Unwissenheit, bürokratische Hürden oder die Sorge vor einer Prüfung der Vermögensverhältnisse können dazu führen, dass berechtigte Ansprüche nicht geltend gemacht werden.
Die gesetzliche Rente bleibt ein Fundament – aber kein vollständiger Finanzplan
Die gesetzliche Rentenversicherung bleibt für die meisten Menschen der wichtigste Baustein ihrer Altersversorgung. Sie bietet lebenslange Zahlungen und schützt auch gegen bestimmte Risiken wie Erwerbsminderung oder den Tod eines Ehepartners.
Sie allein garantiert jedoch nicht automatisch den gewohnten Lebensstandard. Die individuelle Rentenhöhe hängt von Beitragsjahren, Einkommen, Kindererziehungszeiten, Arbeitslosigkeit, Teilzeitphasen und dem Zeitpunkt des Renteneintritts ab.
Hinzu kommt das Inflationsrisiko. Selbst wenn die Renten regelmäßig angepasst werden, können steigende Kosten für Wohnen, Energie, Pflege und Gesundheit die persönliche Kaufkraft erheblich belasten.
Kapitalschutz beginnt lange vor dem Renteneintritt
Private Altersvorsorge sollte deshalb nicht erst wenige Jahre vor dem Ruhestand beginnen. Entscheidend ist der langfristige Aufbau unterschiedlicher Einkommens- und Vermögensquellen.
Dazu können je nach persönlicher Situation gehören:
- liquide Rücklagen für unvorhersehbare Ausgaben,
- breit gestreute Wertpapieranlagen,
- betriebliche und private Altersvorsorge,
- schuldenfreies oder finanziell tragbares Wohneigentum,
- laufende Erträge aus Kapitalvermögen,
- international diversifizierte Vermögenswerte,
- eine Absicherung gegen Berufsunfähigkeit und Pflegebedürftigkeit.
Dabei geht es nicht darum, die gesetzliche Rente schlechtzureden. Es geht darum, sich nicht vollständig von einem einzigen, politisch beeinflussbaren Versorgungssystem abhängig zu machen.
Arbeiten im Rentenalter kann bereichernd und selbstbestimmt sein. Es darf jedoch nicht zur finanziellen Zwangslösung werden. Das eigentliche Ziel einer intelligenten Altersvorsorge lautet deshalb: im Alter arbeiten zu können, weil man es möchte – und nicht arbeiten zu müssen, weil das Geld andernfalls nicht reicht.
Mehr Hintergründe unter: www.markus-miller.com





