(20.09.26) Wirtschaftliche Stabilität ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr. Kriege, Handelskonflikte, protektionistische Maßnahmen, hohe Staatsschulden, politische Polarisierung und volatile Energiepreise können die Zahlungsfähigkeit von Unternehmen und Staaten innerhalb kurzer Zeit beeinträchtigen. Für Unternehmer und Kapitalanleger wird es deshalb immer wichtiger, nicht nur einzelne Geschäftspartner, Banken oder Anlageprodukte zu prüfen, sondern auch die Risiken des jeweiligen Landes und Rechtsraums.
Eine wertvolle Orientierung bietet der aktuelle „Country Risk Atlas 2026“ von Allianz Trade. Die Untersuchung bewertet die wirtschaftlichen Aussichten, Risiken und Chancen in 83 Volkswirtschaften, die zusammen rund 94 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung repräsentieren.
Das Bewertungsmodell verbindet 17 kurzfristige und 18 mittel- bis langfristige Indikatoren. Analysiert werden unter anderem die wirtschaftliche Entwicklung, Staatsfinanzen, Finanzierungsbedingungen, politische Stabilität, Rechtssicherheit, Geschäftsumfeld und kommerzielle Risiken. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie wahrscheinlich Zahlungsausfälle von Unternehmen innerhalb der kommenden zwölf bis 24 Monate sind. Die Bewertungen werden vierteljährlich aktualisiert.
Mehr Aufstufungen – aber keine Entwarnung
Auf den ersten Blick vermittelt der neue Risikoatlas ein überraschend positives Bild: Im Verlauf des Jahres 2025 hat Allianz Trade die Risikobewertung von 36 Ländern angehoben. Dem standen 14 Herabstufungen gegenüber. Zu den aufgewerteten Volkswirtschaften zählen unter anderem Argentinien, Ecuador, Ungarn, Italien, Spanien, die Türkei und Vietnam.
Getragen wurden die Verbesserungen vor allem von sinkenden Inflationsraten, lockereren Finanzierungsbedingungen, stabileren Währungen, höheren Rohstoffpreisen und einer widerstandsfähigen Binnennachfrage. In einigen Schwellenländern konnten außerdem Beschränkungen beim Kapital- und Devisentransfer gelockert werden.
Dennoch wäre es ein Fehler, aus den zahlreichen Aufstufungen eine allgemeine Entwarnung abzuleiten. Die Zahl der Herabstufungen hat sich gegenüber 2024 nahezu verdreifacht. Zudem befinden sich mit den USA, Frankreich, Belgien und Brasilien mehrere wirtschaftlich bedeutende Länder unter den problematischeren Fällen.
Die Volkswirtschaften, deren mittelfristiges gesamtwirtschaftliches Umfeld sich verschlechtert hat, stehen für knapp ein Drittel der weltweiten Wirtschaftsleistung. Dadurch konzentrieren sich erhebliche Risiken zunehmend auf einige besonders große und international stark verflochtene Märkte.
Kurzfristig stabiler, langfristig verwundbar
Das globale kurzfristige Länderrisiko verbesserte sich 2025 nach der Bewertung von Allianz Trade auf die Stufe 2 von 4 und liegt damit im mittleren Bereich. Vor der Corona-Pandemie wurde das weltweite Risiko noch mit Stufe 3 und damit als „sensitiv“ eingestuft.
Die langfristige Gesamtbewertung verharrt dagegen auf der Note B innerhalb einer Skala von AA bis D. Das zeigt: Zahlreiche Länder haben zwar ihre Fähigkeit verbessert, kurzfristige Krisen abzufedern. Die grundlegenden strukturellen Probleme wurden jedoch vielfach nicht gelöst.
Zu diesen Schwachstellen zählen insbesondere:
- hohe und weiter steigende Staatsschulden,
- anhaltende Haushaltsdefizite,
- politische Polarisierung,
- schwaches Produktivitätswachstum,
- zunehmender Protektionismus,
- Abhängigkeiten von einzelnen Absatzmärkten und Rohstoffen,
- regulatorische Unsicherheit,
- fragile Lieferketten,
- Defizite bei Rechtssicherheit und Regierungsführung.
Hinzu kommen Sanktionen, Handelsbarrieren und geopolitische Auseinandersetzungen. Unternehmen müssen ihre Lieferketten deshalb teilweise unter erheblichem Kostenaufwand neu organisieren.
Insolvenzen bleiben ein Warnsignal
Besondere Aufmerksamkeit verdienen die weltweit steigenden Unternehmensinsolvenzen. Allianz Trade erwartet, dass die Zahl der Insolvenzen im Jahr 2026 rund 24 Prozent über dem Durchschnitt der Jahre vor der Corona-Pandemie liegen könnte.
Viele Unternehmen leiden weiterhin unter gestiegenen Lohn-, Energie- und Finanzierungskosten. Gleichzeitig bleiben Nachfrage und Umsatzentwicklung in zahlreichen Branchen schwach. Unternehmen, deren Geschäftsmodell während der jahrelangen Niedrigzinsphase nur durch billige Kredite tragfähig war, geraten dadurch zunehmend unter Druck.
Ein gutes Länderrating bedeutet daher keineswegs, dass jedes Unternehmen innerhalb dieses Landes finanziell stabil ist. Ebenso kann sich ein wirtschaftlich solides Unternehmen in einem risikoreicheren Staat befinden. Länder-, Branchen- und Unternehmensrisiko müssen immer gemeinsam betrachtet werden.
Deutschland bleibt solide – aber der Standort verliert an Kraft
Deutschland wird von Allianz Trade weiterhin mit AA1 bewertet. Das entspricht einem niedrigen Unternehmensrisiko. Positiv wirken sich insbesondere die vergleichsweise hohe institutionelle Stabilität, eine leistungsfähige industrielle Basis, qualifizierte Arbeitskräfte und der grundsätzlich verlässliche Rechtsrahmen aus.
Allerdings darf auch diese gute Einstufung nicht über die zunehmenden strukturellen Schwächen hinwegtäuschen. Nach zwei Rezessionsjahren wuchs die deutsche Wirtschaft 2025 lediglich um 0,2 Prozent. Allianz Trade erwartet für 2026 ein Wachstum von rund 0,9 Prozent. Belastend wirken hohe Energiepreise, zunehmende Konkurrenz aus China, der Fachkräftemangel, eine schwache Produktivitätsentwicklung, überbordende Bürokratie und die starke Abhängigkeit vom Exportgeschäft.
Der geplante Infrastrukturfonds in Höhe von 500 Milliarden Euro sowie zusätzliche Investitionen in Verteidigung, Digitalisierung und Klimaschutz können zwar wirtschaftliche Impulse setzen. Ihre Wirkung dürfte sich jedoch erst schrittweise entfalten. Langwierige Planungs- und Genehmigungsverfahren sowie begrenzte Kapazitäten im Baugewerbe bremsen eine schnelle Umsetzung.
Gleichzeitig steigen die staatlichen Ausgaben und die Verschuldung wieder deutlich. Allianz Trade rechnet für Deutschland mit einer Schuldenquote von etwa 65,5 Prozent im Jahr 2026 und 66,9 Prozent im Jahr 2027. Im internationalen Vergleich bleibt das grundsätzlich beherrschbar. Die steigenden Ausgaben für Verteidigung, Infrastruktur, Renten und Sozialleistungen erhöhen jedoch langfristig den finanziellen Druck.
Mehr als 24.000 Unternehmensinsolvenzen
Besonders deutlich zeigt sich die Belastung der deutschen Wirtschaft bei den Unternehmensinsolvenzen. Im Jahr 2025 registrierten die Amtsgerichte 24.064 beantragte Unternehmensinsolvenzen. Das waren 10,3 Prozent mehr als im Vorjahr.
Auch 2026 ist noch keine nachhaltige Trendwende erkennbar. Von Januar bis Mai wurden 10.546 Unternehmensinsolvenzen gemeldet – 4,9 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Die höchste Insolvenzhäufigkeit verzeichneten Verkehr und Lagerei, gefolgt vom Gastgewerbe und dem Baugewerbe.
Allianz Trade erwartet für 2026 rund 24.450 Insolvenzen und damit einen vorläufigen Höchststand. Erst 2027 könnte die Zahl wieder etwas zurückgehen. Diese Entwicklung ist nicht allein auf Nachholeffekte nach der Corona-Pandemie zurückzuführen. Sie offenbart zunehmend strukturelle Probleme des deutschen Wirtschaftsstandorts.
Länderratings richtig einordnen
Ein Länderrating ist keine Garantie und auch kein Ersatz für eine individuelle Prüfung. Es handelt sich um eine verdichtete Einschätzung zahlreicher Risiken, die sich jederzeit verändern können.
Kapitalanleger sollten deshalb nicht nur auf die Gesamtbewertung eines Staates schauen, sondern auch folgende Fragen berücksichtigen:
- In welchem Rechtsraum befindet sich mein Vermögen?
- Wie stabil sind die Staatsfinanzen und das Bankensystem?
- Bestehen Kapitalverkehrskontrollen oder Transferbeschränkungen?
- Wie unabhängig sind Gerichte und Behörden?
- In welcher Währung werden Vermögenswerte und Erträge geführt?
- Wie hoch sind politische, regulatorische und steuerliche Risiken?
- Welche Abhängigkeiten bestehen von einzelnen Ländern, Banken oder Verwahrstellen?
- Wie schnell könnte ich im Krisenfall über mein Vermögen verfügen?
Dabei gilt: Ein niedrigeres Länderrisiko bedeutet nicht automatisch einen optimalen Vermögensschutz. Auch in einem stabilen Staat können hohe Steuern, regulatorische Eingriffe, Bankrisiken oder eine ungünstige Vermögensstruktur erhebliche Verluste verursachen.
Kapitalschutz braucht geografische Diversifikation
Der aktuelle Risikoatlas bestätigt einen zentralen Grundsatz meiner Kapitalschutz-Strategien: Vermögen sollte nicht ausschließlich von einem Land, einer Währung, einem Bankensystem oder einem Rechtsraum abhängig sein.
Eine vorausschauende Struktur kann unterschiedliche Anlageklassen, Banken, Verwahrstellen, Währungen und politisch stabile Rechtsordnungen miteinander kombinieren. Dazu können neben liquiden Bankguthaben und international gestreuten Wertpapieren auch physische Edelmetalle, Auslandsvermögen, schuldenfreie Immobilien und rechtlich geschützte Vorsorgelösungen gehören.
Entscheidend ist nicht, Kapital wahllos ins Ausland zu verlagern. Entscheidend ist eine transparente, steuerlich korrekte und rechtssichere Diversifikation. Jedes Land hat eigene Stärken und Schwächen. Diese müssen regelmäßig überprüft werden, denn ein heute stabiler Standort kann durch politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Veränderungen morgen deutlich riskanter sein.
Mein Fazit: Risiken liegen unter der Oberfläche
Die Weltwirtschaft hat sich trotz Handelskonflikten, geopolitischer Spannungen und hoher Schulden erstaunlich widerstandsfähig gezeigt. Die zahlreichen Aufstufungen im Country Risk Atlas 2026 sind dafür ein Beleg.
Gleichzeitig konzentrieren sich die strukturellen Risiken auf einige der größten Volkswirtschaften. Steigende Staatsverschuldung, höhere Insolvenzen, protektionistische Maßnahmen und politische Unsicherheit können erhebliche Auswirkungen auf Unternehmen, Banken und Kapitalmärkte entfalten.
Verlassen Sie sich deshalb nicht allein auf bekannte Ländernamen oder gute Gesamtbewertungen. Prüfen Sie die tatsächlichen wirtschaftlichen, politischen, rechtlichen und währungsspezifischen Risiken. Ein international diversifiziertes Vermögen ist kein Misstrauensvotum gegen einzelne Staaten, sondern Ausdruck einer vorausschauenden und selbstbestimmten Kapitalschutz-Strategie.
Mehr Hintergründe unter: www.markus-miller.com




