(17.09.26) Über viele Jahrzehnte verlor Gold in den Augen zahlreicher westlicher Notenbanken an Bedeutung. Nach dem Ende des Bretton-Woods-Systems und insbesondere seit den 1990er-Jahren reduzierten viele Zentralbanken ihre Bestände. Gold galt als unmodern, warf keine Zinsen ab und schien in einer vermeintlich stabilen Welt aus Staatsanleihen, Papiergeld und wachsenden Finanzmärkten entbehrlich zu sein.
Die globale Finanzkrise der Jahre 2007 bis 2009 leitete jedoch einen grundlegenden Strategiewechsel ein. Im Jahr 2010 wurden die Zentralbanken erstmals seit Jahrzehnten wieder zu Nettokäufern von Gold. Aus heutiger Sicht war das keine kurzfristige Reaktion, sondern der Beginn einer langfristigen Neubewertung des Edelmetalls.
Der entscheidende Vorteil von Gold besteht darin, dass es keine Forderung gegenüber einem Staat, einer Zentralbank, einer Geschäftsbank oder einem Unternehmen darstellt. Physisches Gold trägt weder ein Ausfallrisiko noch ein unmittelbares Gegenparteirisiko. Es kann nicht beliebig vermehrt werden und ist grundsätzlich unabhängig von der Zahlungsfähigkeit eines Schuldners.
Gold zahlt allerdings weder Zinsen noch Dividenden und unterliegt erheblichen Preisschwankungen. Es ist deshalb keine klassische Ertragsanlage, sondern in erster Linie ein Reserve-, Diversifikations- und Absicherungsinstrument.
Zentralbanken kaufen weiter in historischem Umfang
Nach Angaben des World Gold Council erwarben Zentralbanken im Jahr 2022 netto rund 1.082 Tonnen Gold. Im Jahr 2023 kamen weitere 1.037 Tonnen hinzu. 2024 kauften die Notenbanken rund 1.045 Tonnen und überschritten damit das dritte Jahr in Folge die Marke von 1.000 Tonnen.
Im Jahr 2025 verlangsamten sich die Käufe auf 863 Tonnen. Dieser Rückgang ist angesichts der zuvor erreichten Rekordpreise nicht überraschend. Die Nachfrage blieb dennoch außergewöhnlich hoch: Der Durchschnitt der Jahre 2010 bis 2021 lag lediglich bei rund 473 Tonnen. Die Zentralbanken kauften 2025 somit trotz des geringeren Tempos fast doppelt so viel wie im längerfristigen Vergleich.
Auch 2026 setzte sich der Trend fort, wenngleich die monatlichen Daten deutliche Schwankungen zeigen. Nach Nettoverkäufen im März meldete der World Gold Council für April wieder Nettokäufe von 19 Tonnen. Das zeigt: Der langfristige Aufbau der Goldreserven verläuft nicht geradlinig. Einzelne Verkäufe oder schwächere Monate bedeuten noch keine Trendwende.
Gold ist wieder die zweitgrößte Reserveanlage
Die Neubewertung von Gold zeigt sich nicht nur an den gekauften Mengen. Nach Berechnungen der Europäischen Zentralbank erreichte Gold im Jahr 2024 zu Marktpreisen einen Anteil von rund 20 Prozent an den weltweiten offiziellen Reserven. Damit überholte das Edelmetall den Euro, dessen Anteil bei rund 16 Prozent lag.
Gold war damit – gemessen am Marktwert – die zweitgrößte globale Reserveanlage nach dem US-Dollar. Neben den umfangreichen Käufen trug auch der starke Anstieg des Goldpreises zu dieser Entwicklung bei.
Diese Entwicklung ist bemerkenswert: Ausgerechnet ein Vermögenswert ohne staatlichen Emittenten hat die gemeinsame Währung Europas als globale Reserveanlage überholt.
Warum Notenbanken ihre Goldreserven ausbauen
Für die Zentralbanken sprechen mehrere Gründe für Gold:
- Gold besitzt kein unmittelbares Kredit- oder Ausfallrisiko.
- Es erhöht die Diversifikation gegenüber Staatsanleihen und Devisen.
- Es ist international handelbar und verfügt über einen liquiden Weltmarkt.
- Es kann als Reserve für Währungs- und Finanzkrisen dienen.
- Physisch im eigenen Land verwahrtes Gold ist nur eingeschränkt von ausländischen Finanzsystemen abhängig.
- Gold kann Schutz vor geopolitischen Sanktionen und eingefrorenen Devisenreserven bieten.
Gerade der letzte Punkt hat seit dem russischen Angriff auf die Ukraine erheblich an Bedeutung gewonnen. Das Einfrieren russischer Zentralbankreserven führte vielen Staaten vor Augen, dass Devisenreserven zugleich Forderungen innerhalb eines politischen und rechtlichen Systems darstellen.
Gold ist zwar ebenfalls nicht vollkommen sanktionssicher. Im eigenen Hoheitsgebiet verwahrte Barren lassen sich jedoch deutlich schwerer blockieren als Guthaben oder Wertpapiere, die über ausländische Banken, Zentralbanken oder Verwahrstellen gehalten werden.
Deshalb gehören vor allem Schwellenländer und geopolitisch nicht eindeutig dem Westen zugeordnete Staaten zu den aktiven Goldkäufern. Es geht dabei nicht zwingend um eine vollständige Abkehr vom US-Dollar, sondern um eine strategische Verringerung einseitiger Abhängigkeiten.
Der Dollar verliert Anteile – aber nicht seine Führungsrolle
Die wachsende Bedeutung von Gold bedeutet nicht, dass der US-Dollar kurzfristig als Weltreservewährung abgelöst wird. Nach Daten des Internationalen Währungsfonds entfielen im vierten Quartal 2025 weiterhin rund 56,8 Prozent der weltweiten Devisenreserven auf den Dollar. Der Euro folgte mit rund 20,3 Prozent.
Der Dollar verfügt über entscheidende strukturelle Vorteile: Die Vereinigten Staaten besitzen den weltweit größten und liquidesten Markt für Staatsanleihen. Ein erheblicher Teil des internationalen Handels, der Rohstoffabrechnung und der grenzüberschreitenden Finanzierungen erfolgt weiterhin in Dollar.
Gleichzeitig belasten die hohe US-Staatsverschuldung, wachsende Zinsausgaben, politische Konflikte und der strategische Einsatz des Dollars als Sanktionsinstrument das Vertrauen. Eine abrupte Ablösung des Dollars ist nicht erkennbar. Eine schrittweise Diversifikation der globalen Reserven findet jedoch längst statt – und Gold ist einer ihrer größten Gewinner.
Geld drucken können Sie nicht – Gold kaufen schon
Privatanleger verfolgen andere Ziele als Zentralbanken. Trotzdem lässt sich aus deren Verhalten eine wichtige Erkenntnis ableiten: Wer seine finanzielle Widerstandsfähigkeit erhöhen möchte, sollte nicht ausschließlich auf Bankguthaben, Staatsanleihen und Papiergeldwährungen vertrauen.
Gold kann innerhalb eines breit diversifizierten Vermögens als strategische Reserve dienen. Entscheidend ist nicht, kurzfristig auf steigende Preise zu spekulieren. Entscheidend ist die Funktion als Vermögenswert außerhalb des kreditbasierten Finanzsystems.
Dabei sollte Gold jedoch nicht isoliert betrachtet werden. Es ersetzt weder eine ausreichende Liquiditätsreserve noch produktive Anlagen wie Aktien, Unternehmensbeteiligungen oder Immobilien. Auch die persönliche Risikotragfähigkeit, der Anlagehorizont und bestehende Vermögenswerte müssen berücksichtigt werden.
Eine pauschal für jeden Anleger geeignete Goldquote gibt es deshalb nicht. Je nach Vermögen, Sicherheitsbedürfnis und wirtschaftlicher Situation kann eine strategische Beimischung sinnvoll sein. Eine zu hohe Konzentration birgt jedoch ebenfalls Risiken.
Physisches Eigentum richtig strukturieren
Wer Gold zur Krisenvorsorge erwirbt, sollte auf physisches und eindeutig zugeordnetes Eigentum achten. Bei einer professionellen Lagerlösung sind insbesondere folgende Punkte zu prüfen:
- Ist das Gold dem Kunden rechtlich eindeutig zugeordnet?
- Handelt es sich um vollständig zugeteilte Barren oder Münzen?
- Existieren Barrennummern beziehungsweise nachvollziehbare Bestandslisten?
- Wird der Bestand regelmäßig durch unabhängige Prüfer kontrolliert?
- Ist das Gold ausreichend gegen Diebstahl und Beschädigung versichert?
- Besteht ein Anspruch auf physische Auslieferung?
- Welche Kosten fallen für Kauf, Lagerung, Versicherung und Auslieferung an?
- In welchem Staat befindet sich der Tresor tatsächlich?
- Welches Recht gilt im Streit- oder Insolvenzfall?
Nicht jede digital angebotene Goldanlage vermittelt unmittelbar Eigentum an bestimmten Barren. Manche Produkte stellen lediglich einen schuldrechtlichen Anspruch gegen den Anbieter dar. Dann entsteht genau jenes Gegenparteirisiko, das mit physischem Gold eigentlich reduziert werden soll.
Mehrere Lagerorte und Rechtsräume
Für größere Goldbestände kann eine Aufteilung auf mehrere Verwahrorte sinnvoll sein. Ein Teil lässt sich in persönlicher Nähe halten, ein weiterer Teil in professionellen bankenunabhängigen Hochsicherheitstresoren. Bei umfangreicheren Vermögen kann zusätzlich eine internationale Streuung auf verschiedene politisch und rechtlich stabile Staaten erwogen werden.
Ein Bankschließfach ist nicht automatisch unsicher und dessen Inhalt fällt grundsätzlich nicht einfach in die Insolvenzmasse der Bank. Trotzdem bestehen praktische Risiken: eingeschränkte Zugangszeiten, mögliche Bankschließungen, unzureichender Versicherungsschutz und eine hohe Abhängigkeit von einem einzigen Institut und Rechtsraum.
Auch ein ausländischer Hochsicherheitstresor ist nicht risikofrei. Entfernung, Auslieferungsbedingungen, steuerliche Pflichten, Kapitalverkehrskontrollen, politische Eingriffe sowie die Seriosität des Verwahrers müssen berücksichtigt werden.
Vermögensschutz entsteht nicht allein dadurch, dass Gold möglichst weit entfernt gelagert wird. Er entsteht durch eine durchdachte Kombination aus Eigentumsrechten, vertrauenswürdiger Verwahrung, Versicherung, Zugriffsmöglichkeiten und geografischer Diversifikation.
Virtuelle Technologie mit physischem Eigentum verbinden
Moderne Technologien können den Erwerb, die Dokumentation und die Verwaltung von Gold deutlich erleichtern. Digitale Plattformen ermöglichen transparente Bestandsübersichten, schnelle Transaktionen und teilweise sogar die Übertragung kleinster wirtschaftlicher Einheiten.
Die Technologie darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, worauf es letztlich ankommt: Hinter der digitalen Anzeige muss tatsächlich vorhandenes, geprüftes und eindeutig zugeordnetes Gold stehen.
Die intelligente Verbindung lautet daher nicht „digital statt physisch“, sondern „digital verwaltet und physisch gedeckt“. Gerade für den Vermögensschutz ist diese Unterscheidung entscheidend.
Gold ist kein Allheilmittel und keine Garantie gegen jede Krise. Es ist aber einer der wenigen weltweit akzeptierten Vermögenswerte ohne unmittelbares Zahlungsversprechen eines Dritten. Dass Zentralbanken ihre Bestände seit Jahren massiv ausbauen, ist daher kein nostalgischer Rückfall in vergangene Zeiten.
Es ist ein strategisches Signal: In einer Welt wachsender Schulden, geopolitischer Rivalitäten und zunehmender Zweifel an Papiergeldsystemen gewinnt Gold seine jahrtausendealte Funktion als unabhängige Währungs- und Vermögensreserve zurück.
Mehr Hintergründe unter: www.markus-miller.com




