(05.09.26) Was bedeutet es heute eigentlich, reich zu sein? 50.000 Euro Einkommen? 100.000 Euro? Eine Million Euro Vermögen? Die Antwort ist weit weniger eindeutig, als viele Menschen vermuten. Denn Reichtum hängt nicht nur davon ab, wie viel Geld auf dem Konto eingeht, sondern ebenso davon, wo Sie leben, welche Kosten Sie tragen und wie viel Vermögen Sie bereits aufgebaut haben.
Eine interessante Analyse von BuchhaltungsButler und dem Datenstudio DataPulse Research macht diese Unterschiede sichtbar. Grundlage sind Eurostat-Daten aus dem Jahr 2024 zu verfügbaren Nettoeinkommen nach Steuern und Sozialabgaben. Die Werte wurden nach der OECD-Äquivalenzskala auf einen Drei-Personen-Haushalt mit zwei Erwachsenen und einem Kind unter 14 Jahren hochgerechnet. Als „reich“ definiert die Studie einen Haushalt, der einkommensmäßig zu den obersten zehn Prozent seines Landes gehört.
Die Ergebnisse sind beeindruckend: In Luxemburg beginnt das oberste Einkommenszehntel bei rund 175.000 Euro verfügbarem Jahreseinkommen, in Deutschland bei etwa 93.000 Euro. Im europäischen Durchschnitt der untersuchten Länder liegt die Schwelle bei rund 71.000 Euro. In der Türkei reichen dagegen rechnerisch bereits etwa 19.000 Euro, um innerhalb des Landes zu den einkommensstärksten zehn Prozent zu gehören.
175.000 Euro sind nicht überall 175.000 Euro wert
Diese enormen Unterschiede zeigen zunächst, wie unterschiedlich die Einkommensverhältnisse in Europa sind. Doch die nominalen Zahlen erzählen nur die halbe Wahrheit. Denn ein Euro besitzt in Luxemburg eine andere reale Kaufkraft als in Portugal, Rumänien oder der Türkei.
Die Studie bereinigt deshalb die Einkommen zusätzlich um die jeweiligen Lebenshaltungskosten. Aus den nominalen 175.000 Euro in Luxemburg werden kaufkraftbereinigt etwa 130.000 Euro. Die rund 19.000 Euro in der Türkei entsprechen aufgrund des deutlich niedrigeren Preisniveaus dagegen einer Kaufkraft von ungefähr 46.000 Euro. Die gewaltige nominelle Lücke wird dadurch deutlich kleiner.
Aktuelle Eurostat-Zahlen für 2025 bestätigen dieses Grundproblem. Das Preisniveau für den privaten Konsum lag in Luxemburg bei 132 Prozent des EU-Durchschnitts. Noch teurer waren Dänemark mit 140 und Irland mit 136 Prozent. Am anderen Ende lagen Bulgarien bei nur 63, Rumänien bei 65 und Polen bei 73 Prozent. Ihre reale Kaufkraft hängt damit erheblich davon ab, wo Sie Ihr Geld ausgeben.
Deutschland ist teuer – aber kaufkraftstark
Interessanterweise steht Deutschland bei der materiellen Lebensqualität besser da, als es manche Diskussion über hohe Steuern und Lebenshaltungskosten vermuten lässt. Eurostat misst dafür die sogenannte Actual Individual Consumption, kurz AIC. Diese Größe erfasst den tatsächlichen Konsum von Haushalten und berücksichtigt dabei auch öffentlich bereitgestellte Leistungen.
Deutschland lag 2025 bei diesem kaufkraftbereinigten materiellen Konsumniveau 20 Prozent über dem EU-Durchschnitt. Lediglich Luxemburg lag mit 45 Prozent noch deutlich höher, die Niederlande erreichten 19 Prozent über dem Durchschnitt. Die niedrigsten Werte innerhalb der EU verzeichneten Ungarn und Lettland mit jeweils 27 Prozent unter dem Durchschnitt.
Das ist für mich ein wichtiger Punkt: Hohe Preise allein bedeuten nicht automatisch einen niedrigen Lebensstandard. Entscheidend ist das Verhältnis aus Einkommen, Preisen, Steuern, staatlichen Leistungen und verfügbaren finanziellen Spielräumen. Genau dieses Verhältnis unterscheidet sich von Land zu Land erheblich.
München ist nicht Mecklenburg
Aber selbst nationale Durchschnittswerte greifen zu kurz. Es macht einen erheblichen Unterschied, ob Sie mit einem bestimmten Einkommen in München, Frankfurt oder Hamburg leben – oder in einer kleineren Stadt beziehungsweise einer ländlichen Region.
Allein Wohnkosten können Ihre persönliche Vermögensbildung massiv beeinflussen. Wer beispielsweise monatlich 2.500 Euro für Wohnen ausgeben muss, besitzt bei gleichem Einkommen erheblich weniger Sparpotenzial als jemand mit Wohnkosten von 1.200 Euro. Über zehn oder zwanzig Jahre entsteht daraus ein gewaltiger Unterschied beim Vermögensaufbau.
Deshalb sollte die Frage nicht nur lauten: „Wie viel verdiene ich?“ Viel wichtiger finde ich: „Wie viel bleibt mir nach allen notwendigen Ausgaben übrig?“ Dieser frei verfügbare Überschuss entscheidet darüber, ob Sie Rücklagen bilden, investieren und langfristig Vermögen aufbauen können.
Einkommensreich ist nicht vermögensreich
Hier möchte ich eine weitere wichtige Unterscheidung treffen. Die Studie untersucht Einkommen, nicht Vermögen. Wer mit seinem Haushalt zu den obersten zehn Prozent der Einkommen gehört, zählt deshalb noch lange nicht automatisch zu den vermögendsten zehn Prozent.
Ein 35-jähriger Spitzenverdiener mit 150.000 Euro Jahreseinkommen, hoher Miete, großem Immobilienkredit und wenig Rücklagen kann vermögensmäßig deutlich schlechter dastehen als ein Rentner mit vergleichsweise geringem Einkommen, aber schuldenfreiem Eigenheim, Depot und weiterem Kapitalvermögen.
Für mich ist wirklicher finanzieller Wohlstand deshalb eine Kombination aus Einkommen, Vermögen, Schuldenfreiheit, Liquidität und persönlicher finanzieller Freiheit. Ein hohes Einkommen ist hervorragend – aber erst wenn daraus dauerhaft Vermögen entsteht, wird daraus echte finanzielle Substanz.
Reichtum beginnt bei Ihren Möglichkeiten
Genau deshalb ist Reichtum für mich auch ein Gefühl der Möglichkeiten. Können Sie unerwartete Ausgaben problemlos tragen? Können Sie mehrere Monate ohne Einkommen überbrücken? Haben Sie die Freiheit, eine schlechte berufliche Situation zu verlassen? Können Sie investieren, statt jeden Monat ausschließlich Rechnungen zu bezahlen?
Ein Haushalt mit 120.000 Euro Nettoeinkommen und 115.000 Euro jährlichen Ausgaben kann finanziell stärker unter Druck stehen als ein Haushalt mit 70.000 Euro Einkommen und 40.000 Euro Ausgaben. Der entscheidende Unterschied beträgt in diesem Beispiel nicht das Einkommen, sondern der jährlich verfügbare Überschuss von 5.000 beziehungsweise 30.000 Euro.
Genau dieser Überschuss ist der Rohstoff Ihres Vermögensaufbaus. Daraus entstehen Liquiditätsreserven, Wertpapierdepots, Immobilienkapital, Edelmetallbestände oder unternehmerische Beteiligungen. Einkommen schafft Möglichkeiten – aber erst Spar- und Investitionsfähigkeit schafft langfristig Vermögen.
Die Einkommensschere bleibt groß
Hinzu kommt die relative Einkommensverteilung innerhalb eines Landes. Auch hier zeigen sich beträchtliche Unterschiede. Laut der ausgewerteten Studie verdienen die obersten zehn Prozent in der Türkei rund 215 Prozent mehr als ein Medianhaushalt. In Deutschland beträgt der Abstand ungefähr 111 Prozent.
Besonders interessant ist der Anteil des obersten Zehntels am gesamten nationalen Einkommen. In der Türkei entfallen der Studie zufolge rund 36 Prozent des Einkommens auf die obersten zehn Prozent. In Bulgarien sind es etwa 30 Prozent, in Lettland und Litauen jeweils rund 26 Prozent.
Diese Zahlen zeigen wiederum, warum der Begriff „reich“ zwangsläufig relativ bleibt. Wer zur Einkommensspitze eines Landes gehört, besitzt vor Ort möglicherweise eine herausgehobene wirtschaftliche Position – und kann im internationalen Vergleich trotzdem über ein wesentlich niedrigeres Einkommen verfügen.
Kaufkraft kann zum Standortvorteil werden
Gerade für Menschen, die nicht mehr zwingend an einen bestimmten Arbeitsort gebunden sind, bekommt diese Erkenntnis eine ganz neue Bedeutung. Unternehmer, Selbstständige, digitale Arbeitnehmer und Rentner können teilweise entscheiden, wo sie leben und wo sie einen großen Teil ihrer Ausgaben tätigen.
Damit entsteht eine interessante Form der finanziellen Optimierung: Einkommen in einem hochproduktiven Wirtschaftsraum erzielen und zumindest einen Teil der Lebenshaltungskosten in einem günstigeren Umfeld tragen. Das funktioniert natürlich nicht für jeden und bringt steuerliche, rechtliche und persönliche Fragen mit sich.
Aber das Grundprinzip ist wichtig: Neben der Rendite Ihres Vermögens besitzt auch der Ort Ihres Konsums Einfluss auf Ihren realen Wohlstand. Zehn Prozent mehr Anlagerendite zu erzielen ist schwierig. Zehn oder zwanzig Prozent weniger laufende Kosten zu tragen, kann je nach Lebenssituation erheblich einfacher sein.
Nicht nur das Einkommen international denken
Für Anleger ergibt sich daraus eine weitere Konsequenz. Internationalisierung bedeutet nicht nur, im Ausland zu leben. Sie bedeutet auch, Vermögen nicht vollständig von einer einzigen Volkswirtschaft, Währung oder Rechtsordnung abhängig zu machen.
Aktien internationaler Unternehmen, verschiedene Währungen, Bank- und Depotverbindungen in stabilen Rechtsräumen, Edelmetalle, Immobilien oder andere Sachwerte können dabei je nach persönlicher Situation unterschiedliche Funktionen erfüllen.
Entscheidend ist für mich jedoch nicht maximale Komplexität. Eine internationale Vermögensstrategie muss transparent, rechtlich sauber und praktisch beherrschbar bleiben. Zehn Konten in zehn Ländern sind nicht automatisch besserer Vermögensschutz als eine sorgfältig strukturierte Diversifikation.
Vermögensschutz beginnt mit Kaufkraftschutz
Denn am Ende zählt nicht, welche Zahl auf Ihrem Kontoauszug steht. Entscheidend ist, was Sie mit diesem Geld künftig kaufen können. Genau deshalb gehört Inflationsschutz für mich zwingend zum Vermögensschutz.
100.000 Euro nominales Vermögen bleiben auf dem Konto zwar 100.000 Euro. Steigen die Preise jedoch über Jahre deutlich, sinkt die reale Kaufkraft. Die Zahl ist gleich geblieben – Ihr tatsächlicher Wohlstand dagegen nicht.
Deshalb sollte eine langfristige Vermögensstrategie immer darauf ausgerichtet sein, die reale Kaufkraft zu erhalten und möglichst auszubauen. Nominale Sicherheit allein reicht nicht. Realer Vermögenserhalt ist das Ziel.
Mein Fazit: Reichtum ist relativ!
Die Einkommensstudie zeigt eindrucksvoll, wie unterschiedlich „reich“ in Europa definiert werden kann. Rund 175.000 Euro verfügbares Jahreseinkommen in Luxemburg, 93.000 Euro in Deutschland oder 19.000 Euro in der Türkei können jeweils dasselbe statistische Ergebnis bedeuten: die Zugehörigkeit zu den einkommensstärksten zehn Prozent des jeweiligen Landes.
Doch erst die Kaufkraft zeigt, wie groß die Unterschiede im tatsächlichen Lebensstandard sind. Und selbst sie erzählt noch nicht die ganze Geschichte. Vermögen, Schulden, Wohnkosten, familiäre Verpflichtungen und persönliche Lebensziele entscheiden mit darüber, wie wohlhabend Sie wirklich sind.
Deshalb gilt für mich: Reichtum ist nicht die größte Zahl auf dem Konto. Reichtum bedeutet finanzielle Möglichkeiten, Unabhängigkeit und Sicherheit. Ein gutes Einkommen kann dafür die Basis schaffen – Vermögensaufbau macht daraus langfristige finanzielle Freiheit.
Vermögensaufbau ist wichtiger als Einkommensstatus
Lassen Sie sich deshalb nicht zu sehr von statistischen Grenzen beeindrucken. Ob Sie offiziell zu den oberen zehn Prozent gehören, ist für Ihre persönliche Finanzplanung weit weniger wichtig als die Frage, ob Ihr Vermögen Jahr für Jahr wächst.
Konzentrieren Sie sich auf Ihren persönlichen Überschuss, Ihre Sparquote, den realen Werterhalt Ihres Vermögens und eine intelligente Diversifikation. Gleichzeitig lohnt es sich, Lebenshaltungskosten und Standortentscheidungen nicht als reine Konsumfragen zu betrachten – sie sind wichtige Bestandteile Ihrer langfristigen Vermögensstrategie.
Denn genau darin liegt für mich die entscheidende Erkenntnis: Reichtum ist relativ – finanzielle Unabhängigkeit dagegen ist sehr konkret. Wer dauerhaft mehr besitzt, als er benötigt, seine Kaufkraft schützt und echte Wahlmöglichkeiten gewinnt, ist dem Ziel wirklichen Wohlstands sehr viel näher als jede statistische Einkommensgrenze vermuten lässt.
Mehr Hintergründe unter: www.markus-miller.com





