(25.08.26) Ich widme mich heute einem Thema, das die Märkte seit Langem prägt, Menschen und Marktteilnehmer aber leider ganz offensichtlich abstumpfen lässt. Nicht Krieg, Leid und menschliche Tragödien stehen dabei im Mittelpunkt vieler Berichte, sondern vor allem die wirtschaftlichen Folgen, die ein solcher Konflikt mit sich bringt – steigende Energiepreise, neue Inflationssorgen, höhere Transportkosten und zunehmende Unsicherheit an den Finanzmärkten.

Genau darin liegt etwas zutiefst Verstörendes. Während im Nahen Osten Menschen um ihr Leben fürchten und ganze Regionen von Krieg, Gewalt und Unsicherheit geprägt sind, scheint sich ein Teil der öffentlichen Wahrnehmung längst an diesen permanenten Krisenzustand gewöhnt zu haben. Die nächste Rakete, der nächste Luftangriff oder die nächste politische Drohung erzeugen häufig nur noch dann größere Aufmerksamkeit, wenn dadurch Ölpreise, Aktienmärkte oder Lieferketten unmittelbar betroffen sind.

Das eigentliche Drama droht damit zur bloßen Kulisse zu werden, während über Brent-Öl, Inflation, Gold und mögliche Börsenreaktionen diskutiert wird. Natürlich sind diese wirtschaftlichen Auswirkungen wichtig, weil sie auch Sie als Verbraucher, Sparer und Anleger direkt treffen können. Zugleich zeigt diese Entwicklung in bedrückender Weise, wie sehr Krieg und geopolitische Eskalation inzwischen Teil unseres vermeintlichen Normalzustands geworden sind.

Wenn das Unfassbare zum Alltag wird

Der Titel „Im Nahen Osten nichts Neues“ ist bewusst gewählt. Er lehnt sich an Erich Maria Remarques berühmten Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues“ an. Darin wird auf erschütternde Weise deutlich, wie selbst das Grauen des Krieges irgendwann Gefahr läuft, als alltäglicher Zustand wahrgenommen zu werden. Genau diese bedrückende Parallele drängt sich auch heute auf: Was eigentlich schockieren müsste, wird zur Dauerlage. Was aufrütteln sollte, wird zur Routine.

Doch hinter dieser vermeintlichen Routine verbirgt sich derzeit eine ausgesprochen gefährliche geopolitische Konstellation. Der Krieg zwischen den USA und Iran dauert inzwischen seit Monaten an. Gleichzeitig bleiben Israel, der Gazastreifen, der Libanon, Syrien und weitere Teile der Region von militärischen und politischen Spannungen geprägt. Selbst diplomatische Initiativen führen bislang immer wieder nur zu begrenzten Fortschritten oder scheitern an grundlegenden Gegensätzen. Mitte August blieben beispielsweise neue Gespräche über den Gaza-Konflikt ohne Durchbruch.

Gerade diese Mischung ist gefährlich: Es gibt nicht den einen isolierten Konflikt, sondern mehrere miteinander verbundene Krisenherde. Iran, Israel, die USA, die Golfstaaten sowie verschiedene staatliche und nichtstaatliche Akteure verfolgen jeweils eigene strategische Interessen. Dadurch kann eine lokale Eskalation vergleichsweise schnell Auswirkungen weit über die unmittelbare Region hinaus entfalten.

Die Straße von Hormus ist der neuralgische Punkt

Besonders deutlich zeigt sich das derzeit an der Straße von Hormus. Diese nur wenige Dutzend Kilometer breite Meerenge zwischen Iran und Oman gehört zu den wichtigsten Energieadern der Welt. Ein erheblicher Teil der internationalen Öl- und Flüssiggasexporte aus den Golfstaaten muss diesen Engpass passieren. Wer die Straße von Hormus kontrolliert oder deren Nutzung erheblich beeinträchtigt, verfügt deshalb über einen enormen geopolitischen Hebel.

Und genau dieser Hebel ist derzeit keine theoretische Gefahr mehr. Die Schifffahrt durch die Meerenge ist erheblich eingeschränkt. Nach Daten des Analyseunternehmens Kpler passierten am Wochenende des 22. und 23. August weniger als 20 relevante Frachtschiffe die Straße von Hormus. Reuters berichtet, dass der Verkehr zeitweise rund 90 Prozent unter dem Niveau vor dem Konflikt gelegen habe. Hinzu kommen Angriffe auf Schiffe und eine erhebliche Unsicherheit darüber, wie sicher und verlässlich die Route überhaupt genutzt werden kann.

Das hat unmittelbare wirtschaftliche Folgen. Der Brent-Ölpreis beendete den Handel am Freitag, 21. August, bei 94,39 US-Dollar je Barrel, der amerikanische WTI-Preis bei 87,06 US-Dollar. Am Montag gaben die Preise zunächst wieder nach. Genau diese Schwankungen zeigen jedoch, wie stark die Märkte derzeit auf jede diplomatische Äußerung, Sanktion oder militärische Drohung reagieren.

Es geht längst um mehr als den Ölpreis

Dabei wäre es ein Fehler, ausschließlich auf den Rohölpreis zu schauen. Die Probleme reichen inzwischen bis zu Raffinerien, Treibstoffen und internationalen Lieferketten. In Asien sind die Importe leichter und mittlerer Destillate im August nach Berechnungen von Reuters deutlich gegenüber dem Niveau vor dem Konflikt zurückgegangen. Besonders Diesel, Flugtreibstoff und andere raffinierte Produkte können dadurch zum Engpass werden.

Steigende Energiepreise wirken wie eine zusätzliche Steuer für Wirtschaft und Verbraucher. Unternehmen zahlen mehr für Produktion und Transport, Fluggesellschaften für Kerosin, Logistikkonzerne für Treibstoff und private Haushalte letztlich über zahlreiche Umwege ebenfalls höhere Preise. Dadurch kann ein geopolitischer Konflikt Tausende Kilometer entfernt plötzlich auf Ihrer persönlichen Rechnung an der Tankstelle, beim Einkauf oder bei den Heizkosten sichtbar werden.

Hinzu kommt ein zweiter Effekt, den Anleger nicht unterschätzen sollten: Inflation. Ein erneuter Energiepreisschock kann den Rückgang der Teuerungsraten abbremsen oder sogar umkehren. Genau das würde wiederum die Zentralbanken unter Druck setzen und könnte die Hoffnung auf niedrigere Zinsen enttäuschen. Geopolitik, Energiepreise, Inflation, Zinsen und Kapitalmärkte sind deshalb keine voneinander getrennten Themen, sondern eng miteinander verbunden.

Die Finanzmärkte haben sich an Krisen gewöhnt

Für Sie als Anleger liegt genau darin eine besondere Gefahr. Finanzmärkte besitzen eine erstaunliche Fähigkeit, selbst schwere geopolitische Krisen nach einiger Zeit auszublenden. Solange Unternehmen Gewinne erwirtschaften, Liquidität vorhanden ist und keine unmittelbare Störung der Weltwirtschaft droht, kehrt häufig erstaunlich schnell wieder Normalität ein.

Doch Gewöhnung bedeutet keineswegs, dass das Risiko verschwunden ist. Im Gegenteil: Gerade wenn Märkte eine Gefahr über längere Zeit ignorieren, kann die Reaktion auf ein überraschendes Ereignis umso heftiger ausfallen. Mitte August führten die erneuten Spannungen um Iran und Hormus beispielsweise nicht nur zu höheren Ölpreisen. Gleichzeitig gerieten Aktien unter Druck und die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen erreichte zeitweise mit mehr als 5,3 Prozent den höchsten Stand seit 2007.

Damit zeigt sich ein Mechanismus, den ich seit Langem hervorhebe: Geopolitische Krisen sind für Anleger keineswegs nur außenpolitische Ereignisse. Sie können über Energiepreise, Inflation, Zinsen, Währungen und Lieferketten unmittelbar auf nahezu sämtliche Anlageklassen durchschlagen.

Diplomatie bleibt fragil

Natürlich gibt es gleichzeitig diplomatische Bemühungen. Zwischen Syrien und Israel fanden am Wochenende unter amerikanischer Vermittlung neue Gespräche statt, die unter anderem eine Eindämmung militärischer Aktionen und perspektivisch eine Sicherheitsvereinbarung zum Ziel haben. Das ist grundsätzlich positiv. Gleichzeitig verdeutlicht allein die Notwendigkeit solcher Gespräche, wie fragil die Lage bleibt.

Auch gegenüber Iran wechseln sich diplomatische Signale und massive Drohungen ab. Washington bereitet neue Sanktionen vor, während Teheran wiederum mit Gegenmaßnahmen droht. Noch am 18. August erklärte US-Präsident Donald Trump, es gebe derzeit keine Gespräche mit Iran. Teheran wiederum machte eine dauerhafte Wiederöffnung der Straße von Hormus von politischen und sicherheitspolitischen Bedingungen abhängig.

Das ist genau jene Unberechenbarkeit, die den Nahen Osten für die Weltwirtschaft so gefährlich macht. Ein diplomatischer Fortschritt kann die Energiepreise innerhalb weniger Stunden fallen lassen. Eine neue militärische Eskalation kann genau das Gegenteil bewirken. Wer Vermögen verwaltet, sollte deshalb weder auf dauerhafte Entspannung wetten noch permanent vom schlimmsten Szenario ausgehen.

Was lässt sich daraus für Sie ableiten?

Ich persönlich konsumiere täglich zahlreiche internationale Medien und unterschiedliche Informationsquellen. Das gehört zu meiner Arbeit als Analyst. Dabei zeigt sich gerade beim Nahen Osten immer wieder, wie schwierig es ist, einzelne Schlagzeilen richtig einzuordnen. Auf eine vermeintliche Entspannung folgt nicht selten wenige Tage später die nächste Eskalation.

Deshalb rate ich Ihnen ausdrücklich davon ab, Ihr Depot aufgrund jeder neuen Schlagzeile umzubauen. Vermögensschutz bedeutet nicht, permanent auf Krisen zu reagieren. Vermögensschutz bedeutet vielmehr, bereits vor einer Krise so aufgestellt zu sein, dass einzelne politische oder wirtschaftliche Schocks Ihre finanzielle Stabilität nicht grundlegend gefährden.

Dazu gehören für mich eine breite Streuung über unterschiedliche Anlageklassen, Währungen und Rechtsräume sowie ausreichend Liquidität. Auch Sachwerte und ausgewählte Edelmetalle können als strategische Bestandteile eines diversifizierten Vermögens eine Rolle spielen. Gleichzeitig sollte Vermögensschutz niemals bedeuten, aus Angst sämtliche Chancen aufzugeben.

Mein Fazit: Bleiben Sie positiv – nutzen Sie Ihre Chancen für Vermögensaufbau und Vermögensschutz!

Gerade in einem solchen Umfeld ist es entscheidend, einen klaren Kopf zu bewahren. Märkte neigen dazu, Risiken phasenweise zu verdrängen oder sich an Krisen zu gewöhnen. Doch Gewöhnung bedeutet nicht Entwarnung. Die aktuelle Situation rund um Iran und die Straße von Hormus zeigt vielmehr sehr deutlich, wie schnell geopolitische Risiken zu handfesten wirtschaftlichen Problemen werden können.

Deshalb gilt gerade jetzt: Klarheit statt Panik! Ich halte nichts davon, aufgrund jeder neuen Eskalationsmeldung in einen Krisenmodus zu verfallen. Ebenso wenig halte ich es jedoch für sinnvoll, geopolitische Risiken zu ignorieren, nur weil wir uns inzwischen an immer neue Konfliktmeldungen gewöhnt haben.

Lassen Sie sich weder von Negativität, Destruktivität oder Panik treiben noch von einer vorschnellen Beruhigung einlullen. Entscheidend ist, Entwicklungen nüchtern einzuordnen und gleichzeitig den Blick auf die Chancen zu richten, die sich für Ihren Vermögensaufbau und Ihren Vermögensschutz ergeben.

Vorbereitung ist besser als Prognose

Niemand kann seriös vorhersagen, welche Rakete als Nächstes abgefeuert, welche Sanktion beschlossen oder welche diplomatische Vereinbarung geschlossen wird. Genau deshalb ist es für mich wichtiger, auf unterschiedliche Szenarien vorbereitet zu sein, als den nächsten geopolitischen Schritt erraten zu wollen.

Denn auch in schwierigen Phasen entstehen Chancen für jene Anleger, die vorbereitet sind, Zusammenhänge verstehen und sich nicht von Schlagzeilen treiben lassen. Volatile Märkte eröffnen langfristig orientierten Investoren immer wieder attraktive Einstiegsmöglichkeiten. Gleichzeitig erinnern Krisen daran, warum Liquidität, Diversifikation und Vermögensschutz keine langweiligen Nebenthemen sind.

Der Nahe Osten bleibt damit einer der bedeutendsten geopolitischen Krisenherde der Welt. Der zynisch anmutende Satz „Im Nahen Osten nichts Neues“ beschreibt leider ziemlich treffend die Gefahr unserer Gewöhnung an das eigentlich Unfassbare. Für Anleger sollte daraus jedoch nicht Gleichgültigkeit entstehen, sondern Aufmerksamkeit. Wer Risiken versteht, vorbereitet ist und gleichzeitig Chancen erkennt, schafft die beste Grundlage, sein Vermögen langfristig zu schützen und weiter aufzubauen.

Mehr Hintergründe unter: www.markus-miller.com